Archiv für den Monat: April 2015

«Geht doch aufs Land!» – Warum Gärtnern in der Stadt politisch ist

Hier die Erwiderung von Christa Müller von der anstiftung (die vermutlich die Tage in der Frankfurter Rundschau erscheint) mit Hinweis auf das Urban Gardening Manifest, das inzwischen von 120 Initiativen unterschrieben wurde:

«Geht doch aufs Land!

Warum Gärtnern in der Stadt politisch ist
Wenn man den Erfolg einer Bewegung an der Zahl seiner Gegenredner messen will, hat es die Urban-Gardening-Bewegung in den wenigen Jahren ihres Bestehens schon weit gebracht. Diesmal ist es Max Scharnigg, der in der Süddeutschen Zeitung in zweifellos brillantem Stil über die Annektierung von Baumscheiben durch die allseits verhassten Latte-Macchiato-Mütter herzieht, die vor ihrer Haustür Ringelblumen pflanzen, was der Autor ebenso lächerlich findet wie den Tomatenanbau auf dem Balkon. Wer Landlust verspürt, soll aufs Land gehen, meint er, die Stadt ist versiegelt, vergiftet, zugeparkt. Basta.
Die feuilletonistisch durchgestylten Kontrapositionen zu einem Phänomen, das sie nur vom Hörensagen kennen, übersehen dabei eins: den Impetus, der von einer neuen Bewegung ausgeht. Urban Gardening heißt gerade nicht Annektierung für private Nutzung, sondern freier Grünzugang für alle. Ungeachtet der zu recht kritisierten Neobiedermeier, die ihre Werkzeuge distinktiv dort konsumieren, wo es sie noch gibt, die guten Dinge: Die fast 500 urbanen Gemeinschaftsgärten im Bundesgebiet gehören zu den wenigen Orten in der gentrifizierten Stadt, an denen sich Menschen unterschiedlicher Sozialmilieus im öffentlichen Raum begegnen – und diesen auch mitgestalten. Damit sind Gärten innovative Beiträge zu einer Neuorganisation des Zusammenlebens in einer zunehmend auf Milieuabgrenzung setzenden Stadtgesellschaft, die immense Risiken produziert. Hierin liegt ihre Sinnressource, nicht in der durch den Autoverkehr bleibelasteten Karotte.
Unter dem Titel „Die Stadt ist unser Garten“ haben Gemeinschaftsgärten ein Manifest veröffentlicht. Der markante Appell ist Ausdruck einer kollektiven Bewegung, die mit neuen Impulsen für die Zukunft der Städte auf sich aufmerksam macht. Das Manifest betont, wie wichtig ein frei zugänglicher öffentlicher Raum ohne Konsumzwang für eine demokratische Stadtgesellschaft ist. Es lässt keinen Zweifel daran, dass Urban Gardening mehr ist als die individuelle Suche nach einem hübsch gestalteten Rückzugsort. Mit dem gemeinschaftlichen Gärtnern formieren sich kollektive Formen, die als Teil einer erstarkenden Commonsbewegung in unseren Städten gelten dürfen. Wer das hier enthaltene politische Potenzial verniedlicht, versperrt sich selbst den Blick auf den gesellschaftlichen Wandel, der längst im Gange ist.